Taking the streets - brick by brick

Von New York, nach Paris und zurück. Über The Warriors als Film und Game und über die Ökonomie der Revolte im Ghetto.

1979 war ein bedeutendes Jahr in der Geschichte von New York. Punk war auf seinem Höhepunkt, die noch junge Hiphop-Bewegung trat gerade ihren globalen Siegeszug an, der Mudd Club löste endgültig das Studio 51 als „place to be“ ab und brachte im Zuge dessen so illustre und gegensätzliche Charaktere wie Madonna, Jim Jarmush, Vincent Gallo und Andy Warhol dazu unter einem Dach den No-Wave Underground auszurufen. 1979 war aber auch ein Jahr in dem die Gewalt in nie zuvor gekanntem Ausmass Einzug hielt in der Stadt. Angefeuert durch einen starken, identifikationsstiftenden popkulturell-codierten Underground formierten sich immer gewaltbereitere Jugendbanden, die sich gegenseitig im Krieg um ihren „turf“ befanden. Die postmoderne, urbane Gangkultur war geboren. The kids were not allright.

Im Bild

Ein Jahr zuvor stolpert der Filmproduzent Lawrence Gordon auf der Suche nach neuen Stoffen über den Roman the Warriors von Sol Yurick. Ein pulpiges Gemisch über Gangs in New York, angelehnt an die Anabasis von Xenophon aus dem vierten Jahrhundert vor Christus. Er sichert sich die Rechte und begibt sich auf die Suche nach einem passenden Regisseur. Walter Hill, der im selben Jahr mit seinem „The Driver“ für Furore sorgte nimmt sich des Stoffes an und inszeniert mit The Warriors seinen ersten Film über ein Heldenkollektiv. Ein Motiv das er auch in den folgenden Jahren unter anderen mit „Southern Comfort“ und „The Long Riders“ immer wieder aufgreifen wird. Noch vor Beginn der eigentlichen Produktion kommt es zur ersten Meinungsverschiedenheit. Hill sieht die Warriors als rein afroamerikanische Gang, die Produktionsseite besteht darauf sie multiethnisch anzulegen und setzt sich durch. Den vermeintliche Realismus der Vorlage der damit abhanden gekommen scheint kompensiert Hill durch einen simplen aber wirkungsvollen Kniff. Seine Warriors und ihr New York im Jahre 1979 orientieren sich kein Stück mehr an den Tatsächlichkeiten, sondern präsentieren sich als düstere Visionen einer „alternate reality“. Die Stadt ist fest in der Hand einer Vielzahl von illustren Gangs, die mit ihren überzogenen Kostümen und schrillen Popkulturreferenzen wie überhöhte Archtypen des Undergrounds wirken. Ein bürgerliches Mikroskop mit dem Jugendkultur observiert wird und das nur Zerrbilder produzieren kann. Hills New York und seine Gangs sind bitterböse gezeichnete Comicfiguren, nihilistische Antithesen zu Spiderman, die nicht für die gute Sache sondern zuforderst ums eigene Leben kämpfen. Der Struggle als Basis für Pulp.
Das ihm mit The Warriors dennoch ein Meisterwerk gelungen ist liegt vor allem an der Besetzung, größtenteils damals völlig unbekannte Nachwuchsschauspieler, am von Andrew Laszlo gekonnt gesetzten Licht und nicht zuletzt an dem beklemmenden Score von Barry de Vorzon. The Warriors ist ein energetisches Testament urbaner Angstzustände. Eine fiebrigen Wahnvorstellung besorgter Kleinbürger die sich in ihren Wohnungen verbarrikadiert haben und jeden Tag in der Zeitung von neuen Verbrechen lesen müssen. In deren Köpfen spielt dieser Film eigentlich. Dementsprechend findet die Gesellschaft um diesen Alptraum herum nicht statt. Hills NYC ist menschenleer. Die Gangs haben keinen Kontext und die Stadt ist nur eine bespielbare Bühne für ihr klassisches Drama. Eine Kulisse für den kollektiven Alptraum einer paranoiden Gesellschaft für die der jugendliche Straftäter Sinnbild allen Übels und Ursprung aller Ängste ist. Aus dieser traumhaften Anmutung schöpft der Film auch heute noch eine enorme Kraft. In Walter Hills alternativem New York des Jahres 1979 herrscht eine permanente Ausgangsperre. Sowohl auf den Strassen als auch in den Köpfen.

Im Leben
Szenenwechsel. Die brennenden Autos von Ile-de-France und all den anderen zahllosen Banlieus der Grande Nation sind kein Zeichen für das Scheitern multikultureller Integrationsversuche. Sie sind vor allem Ausdruck von staatlicher Misswirtschaft. Ghettos sind keine Orte in die sich ethnische Minderheiten freiwillig zurückziehen um sich eine Paralellgesellschaft aufzubauen. Wer dort wohnt hat keine andere Wahl. Was die frustrierten Jugendlichen zum Benzinkanister greifen lässt ist nicht mangelnde Kentnisse der französischen Sprache oder der kulturellen Gepflogenheiten einer Nation deren Staatsbürger sie zum größtenteil sind, sondern ein Mangel an Perspektiven. Wer mit dem Beginn der Pubertät anfängt zu realisieren, dass seine Chancen auf ein Entkommen aus den beklemmenden Banlieus schwindend gering sind, in dem wächst nicht zu unrecht Wut auf einen Staat, der ihm seine Chancen auf ein besseres Leben, wenn nicht mutwillig so doch immerhin billigend verwehrt. Die vielbeschworenen großen Brüder die den Absprung geschafft haben und jetzt versuchen zu schlichten sind in der Minderzahl zu jenen großen Brüdern die in den Banlieus geblieben sind.
Wer wissen will wie weit die Innenstadt von Paris wirklich entfernt ist von der Lebenswelt in den Vorstädten der sollte sich Mathieu Kassowitzs Ghettostudie „La Haine“ aus dem Jahr 1993 ansehen. Der Film beginnt mit einem Witz: Ein Mann stürzt aus einem Hochhaus und denkt im Fallen immer wieder „bis jetzt ist ja noch nichts passiert“. Entscheidend ist aber nicht der Fall sondern dessen Ende. Frankreichs Fall scheint beendet. Eine geschockte Nation ist äusserst unsanft auf den Boden der Tatsachen geschlagen. La Haine wird damit zur Prophezeiung einer Gesellschaft, die es zugelassen hat das jene Inseln der Hoffnungslosen entstehen und die sich nun über den Zorn deren Bewohner verwundert die Augen reibt.
Neben allen soziologischen Analysen, erstellt als Amateur oder Professioneller, neben allem Gerede von den identifikationsstiftenden Gangs und der Gewalt als Ventil angestauter Frustration spricht niemand über deren Stellenwert in einer kapitalistischen Gesellschaft. Zusammenschlüsse die terretorial ausgerichtet sind, die um Turfs kämpfen wie andere um Marktanteile, die ihre Logos „branden“, ihr Produkt sichtbar machen. Das Produkt sind sie selbst, die Hoffnungslosen von Ile-de-France. Die jetzt ausgeholt haben zur grossen einmaligen Marketingoffensive. Wer wird die Nummer Eins? Welches Banlieu gibt sich als letztes dem Druck der Regierung hin? Gangsterkarrieren sind vor allem auch Karrieren. Mit Aufstiegsmöglichkeiten, einem firmeninternen Ehrenkodex und vor allem wenn schon nicht der Möglichkeit zum Glück so doch immerhin der Möglichkeit zur Funktion innerhalb überschaubarer Strukturen. Unbewusst oder auch bewusst immitiert die Gangkultur jenen Kapitalismus der ihre Mitglieder links liegen hat lassen.

Im Spiel
Zurück nach New York. 2005 sind die Warriors wieder päsent wie lange nicht mehr. Schuld tragen die notorischen schwarzen Schafe unter den Spielentwicklern Rockstar Games, in diesem Fall deren Büro in Toronto. Mit gewohnt solidem handwerklichen Können, gefusst auf die Engine von GTA:San Andreas, haben sie sich einer Lizenz angenommen, die abweicht von dem üblichen Muster aktuelle Kinohits als Game zweitzuverwerten. Was an anderer Stelle schon als „beste Filmumsetzung aller Zeiten“ gepriesen wurde und überaschend niemals in Deutschland erscheinen wird, ist in der Tat im Bezug auf Atmosphäre und Treue zum filmischen Vorbild bisher unerreicht. Bei aller überbordenden Gewalt und den aufgedrehten Szenarien mit denen „The Warriors“ als Game die Vorgeschichte zu Walter Hill erzählt, bleiben die Charaktere mit ihren Eigenheiten immer nah genug am Original um nicht ins Lächerliche zu driften. Das Spiel als Spiel gestaltet sich dann in der Tat äusserst gewalttätig, steigert aber dadurch nur noch die allgegenwärtige bedrückende Stimmung.
In einem ganz entscheidenden Punkt aber unterschiedet sich das Game vom Film. Die Strassen sind nicht mehr leer. Rockstar stellt den Warriors einen Kontext in dem sie stattfinden zur Seite. Und plötzlich prallen Walter Hills Comicgangs auf eine nicht weniger grotesk überzeichnete Gesellschaft, aus deren Mitte sie entsprungen sind. Das Bild das Rockstar von ihrem alternativen New York zeichnen könnte dabei bösartiger und bissiger nicht sein. Während sich auf den Strassen die besser gestellten Einwohner tummeln vegetieren die Ärmsten der Armen in verwahrlosten Hinterhöfen vor sich hin. Brabbelnde alte Männer torkeln betrunken durch enge Gassen, Vietnamkriegsveteranen durchwühlen Mülltonnen, zerlumpte Obdachlose betteln die Warriors um ein wenig Geld an oder liegen schlafend zwischen Müllbergen. Noch kein Spiel hat bisher Armut und Elend so erschreckend dargestellt wie dieses. In den Alpträumen der Kleinbürger ist die eigentliche Wurzel des Übels angekommen, die zunehmende Verwahrlosung verarmter Stadtteile, in denen sich ein ungezügelter Kapitalismus breit gemacht hat, der seinem nadelbestreiften Widerpart an der Wallstreet in Punkto Gnadenlosigkeit in nichts nachsteht und der die Verbrechen gebiert über die sie halb schaudernd, halb lüstern in der Zeitung lesen.